Oz: Verkauf an Ned Kelly

Hier ist eine Geschichte aus meinem Alltag als Milchmädchen.

Mittwoch war ein schlechter Tag. Nachdem ich mit schlimmen Weisheitszahnschmerzen aufgewacht bin und nicht aufstehen, essen oder gar arbeiten wollte, habe ich mich nach der Einnahme von Schmerzmitteln doch genug erholt, um in die Arbeit zu gehen. Nachdem mir meine Arbeitskollegen alle Horrorgeschichten über ihre Weisheitszähne erzählt hatten, wurde ich in der Straße abgesetzt, die mir an diesem Tag zugeteilt war, und ich ging mehr oder weniger fröhlich ans Werk. Von den paar Leuten, die zuhause waren, war keiner interessiert, außer einem, der aber statt einem Steak oder Hackfleisch lieber gleich eine halbe Kuh geliefert haben wollte.
“Hmm, nein, Sie können nur haben, was auf unserer Liste steht. Ich denke nicht, daß wir auch halbe Kühe liefern.”
“Doch, doch, sagen Sie Ihrem Chef, er soll mich morgen anrufen, dann bespreche ich das mit ihm.”
Gut, denke ich mir, soll mein Chef sich mit ihm herumärgern. Mein Training hatte schließlich nicht abgedeckt, wie man mit solchen Leuten umgeht.

Ein paar Häuser weiter war ein Mann zwar interessiert, durfte aber ohne seine Frau nichts entscheiden. Als die später zuhause war, war sie natürlich nicht interessiert. Eine andere Frau durfte ohne ihren Mann nichts entscheiden, und der ist wegen einer Nachtschicht an diesem Tag nicht heimgekommen.
“Das macht ja nichts,” sage ich, “es ist ja kein Vertrag. Wir halten Ihnen nur den Platz im Lieferwagen frei. Erste Lieferung ist in zwei Wochen, und wenn Sie es sich bis dahin anders überlegen, können Sie kurz anrufen und es wieder abbestellen.”
“Nein, ohne meinen Mann kann ich nichts entscheiden. I do what he tells me.

Inzwischen ist es dunkel und kalt und meine Motivation im Keller. Ich versuche nochmal mein Glück an einem Haus mit riesigem Wassertank vor dem Eingang, und bilde mir gleich ein Vorurteil, da ein Ned Kelly Aufkleber am Fenster klebt. Diesmal ist der Bewohner sogar da, macht die Tür in seiner Arbeitskleidung auf. Offenbar ein Bauarbeiter oder so. Ich fange also an mit meinem “Pitch”, erzähle, wer ich bin und was ich will.
“Wieviele Liter Milch trinken Sie denn in etwa in der Woche?”
“Milch? Ich trinke kaum Milch…”
“Brot? Das Brot wird bis 7 Uhr morgens geliefert und am gleichen Morgen gebacken, ist also ganz frisch und hat keine Konservierungsmittel.”
“Ja, hmm, ich ess auch nicht so viel Brot. Ich ess immer nur Frühstücksflocken und trinke Kaffee.”
“Verstehe, aber Sie tun doch bestimmt Milch über die Frühstücksflocken!”
“Hmm.”
“Also gut, wie ist es denn mit Eiern? Bestimmt essen Sie ab und an mal ein Rührei.”
“Eier? Ich hab noch Eier von März im Kühlschrank.” (Es ist Ende Mai.)
“Wir liefern übrigens auch Fleisch.”
“Fleisch? Wann soll ich das denn kochen?”
“Am berühmtesten sind wir vermutlich für unser Obst. 48 Stunden vom Baum zu Ihrer Tür, garantiert.”
Er schaut sich den Infozettel an.
“Hmm, ja. Und wie lange gilt dieser Preis noch?”
“Ja, hmm, das ist unser Standardpreis, der gilt immer.”
“Also, das war jetzt kein gutes Verkaufsargument.”
Inzwischen denke ich mir, der Herr kauft eh nichts, und eigentlich warte ich eh nur noch auf den Feierabend.
“Ja,” sag ich, “da haben Sie Recht. Wissen Sie, ich mache das eh erst seit einer knappen Woche, und ich bin auch nicht so gut darin. Gestern hab ich nur einen Obstkorb verkauft, und wenn das so weiter geht, dann kündige ich nächste Woche. Eigentlich wollte ich heute sowieso nicht kommen, weil ich nämlich einen Weisheitszahn habe, der mir meine Zähne verschiebt.”
“Hmm,” sagt er, “aber wenn ich nichts kaufe, dann bekommst Du ja keine Provision. Das will ich natürlich nicht.”
Er studiert die Blätter nochmal und listet auf, was er gerne zweiwöchentlich haben will. Brot, Saft, etwas Milch. Seine Bankdaten muß er im Internet nachschauen, also bittet er mich kurz herein. In seiner Wohnung hängen noch mehr Ned Kelly Poster.
“Sie sind wohl ein Ned Kelly Fan,” sage ich völlig wertfrei. “Über den habe ich gelesen, der hat doch gegen die Unterdrückung durch die Regierung gekämpft.” Ich erwähne natürlich nicht, daß ich ihn seit meinem Besuch im Polizeimuseum für einen recht kaltblütigen Mörder halte. Und schon bin ich mitten in einer Diskussion über die Regierung und den Regierungschef, daß Kevin Rudd hoffentlich bald abgewählt wird, über die Probleme mit der Isolierung in den Häusern, über die Altersversorgung. Das Internet wäre auch teuer, und die Steuer, und ich kann gerne ein Bier haben, wenn ich mag. Oder einen Cognac. Um nicht unhöflich zu sein, nehme ich ein Glas Wasser. Er trinkt ein Bier und  zündet sich eine Zigarette an. Mein Teamleiter ruft mich zweimal auf dem Handy an, um zu fragen, ob ich noch lange brauche, denn er will mit mir zusammen an ein paar Häuser klopfen, damit ich lerne, wie man es richtig macht.
“Der macht sich sicher Sorgen,” meint mein neuer Kumpel, als er seine Bankdaten abschreibt.
“Ja,” sag ich, “der wartet draußen auf mich, um mich noch etwas zu schulen.”
Ich gebe meinem Kunden seine kostenlose Kühltasche und er mir die ausgefüllte Bestellung.
“Ich kann das ja nach einer Woche abbestellen, und dann bekommst Du Deine Provision trotzdem,” sagt er.
Er wünscht mir noch eine gute Nacht und ich treffe draußen meinen Teamleiter, der mir zu meinem Verkauf gratuliert.

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2 thoughts on “Oz: Verkauf an Ned Kelly

  1. *argh*
    Zahnschmerzen sind wirklich am Schlimmsten. Ich hoffe, die gehen bald vorbei (geh halt mal zum Zahnarzt, Mensch!)…

    Ich hab sowas auch mal gemacht, bei meinem Verkaufspitch ging es aber um Bilder, Gemälde und so. Überhaupt nichts für mich, ehrlich, das hab ich schon nach einem Tag gemerkt. Klasse, dass du schon so lange durchhältst, obwohl’s so ne frustrierende Kiste ist. (Aber wenigstens hast du dann ein paar lustige Geschichten zu erzählen wie die Ned Kelly Story.^^)

    • Bin ich am Freitag hingegangen, zum Zahnarzt. Mein Weisheitszahn ist entzuendet (infected molar) und jetzt darf ich dreimal am Tag zwei verschiedene Antibiotika nehmen und wenn’s nicht bald besser wird, muss er ihn womoeglich rausmachen. 😦 Bisher hat sich das immer wieder gegeben mit den Weisheitszahnschmerzen… Naja, mal sehen. Wenigstens brauche ich schon keine Schmerzmittel mehr. 🙂

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